Visby: Hansestadt mit Kirchenruinen auf Gotland

Stadtmauer von Visby

Eine der am besten erhaltenen Hansestädte im baltischen Raum liegt an der Westküste der schwedischen Ostseeinsel Gotland. Ihre architektonischen Sehenswürdigkeit, die feinen Sandstrände und das milde Klima machen Visby zu einem beliebten Urlaubsziel. Die 1995 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärte Inselhauptstadt wird deshalb mehrmals täglich von den Fähren der Reederei Destination Gotland angesteuert. Inselbesucher haben die Wahl, ob sie im småländischen Oskarshamn oder in Nynäshamn südlich von Stockholm an Bord gehen. Ich entscheide mich für Nynäshamn und bin ungefähr drei Stunden auf dem Schiff, bevor ich im Hafen von Visby einlaufe.


Übernachten im Gefängnis von Visby

Bereits auf dem Sonnendeck erkenne ich das ehemalige Gefängnis der Stadt. Es ist von einer hohen Mauer mit Stacheldraht umgeben und empfängt mich für zwei Nächte als Herberge. Ein Kurztrip in Schweden hinter schwedischen Gardinen – so etwas ist wirklich ein besonderes Schmankerl und in Visby die mit Abstand preiswerteste Option, ein Zimmer zu mieten.

Das Fängelse, wie Gefängnis auf Schwedisch heißt, wurde 1857 erbaut und Häftlinge saßen dort bis 1998 hinter Schloss und Riegel. Nun schlafe ich in einer winzigen Zelle mit vergitterten Fenstern und Meerblick – oder besser gesagt, ich versuche es. Offenbar zieht das Gefängnis-Hostel eine sehr trinkfreudige Klientel an. Ältere schwedische Männer scharen sich nach einem Großeinkauf bei System Bolaget auf den Gängen, ölen ihre Kehlen und johlen sturzbesoffen im Chor. In den dreckigen Waschräumen gibt es keine Geschlechtertrennung und die durchgelegene Matratze vermittelt mir vor allem eines – Gefängnis-Feeling pur. Doch wie heißt es so schön in meinen eigenen Worten: Wer billige Knast-Suppe bestellt, der sollte sie auch auslöffeln!

Altstadt von Visby
Bürgerhäuser in Visby, Foto: Reise-Liebe

Bummeln in den Gassen der Altstadt

Mit all seinen Mankos ist das Gefängnis nur einen Katzensprung von der Altstadt entfernt. In den labyrinthisch wirkenden Gassen kann man sich stundenlang treiben lassen und sich dabei in kleinen Läden, Galerien und Cafés verlieren. Visby bietet auch unzählige Lokale für jeden Gaumen. Als Spezialität der Insel gelten Pfannkuchen mit Safran. Gerade im Sommer empfehle ich dir, das gotländische Eis zu probieren. Günstig ist es zwar nicht, aber das kräftige Geschmackserlebnis beschert mir ein Fest für die Sinne.

Das Stadtbild wirkt gepflegt und einladend bunt – ein farbenfroher Mix aus malerischen Fachwerkhäusern, Klöstern, Kirchen und noblen Kaufmannsvillen mit Treppengiebeln. In jedem Winkel ist die ruhmreiche Vergangenheit des Ortes spürbar. Im Mittelalter mauserte sich die einstige Wikinger-Siedlung zu einem wichtigen nordeuropäischen Handelszentrum. Kaufleute aus Deutschland, Dänemark und Russland betrieben in Visby regen Handel und brachten die Stadt zur Blüte.

Visbyer Marina
Marina in Visby, Foto: Reise-Liebe

Gut erhaltene Stadtmauer von Visby

So liegt es auf der Hand, dass die Kaufleute die Notwendigkeit sahen, ihren Reichtum vor Plünderern zu schützen, denn im Laufe der Jahrhunderte kam es mehrmals zu blutigen Auseinandersetzungen. Davon erzählt die fast vollständig erhaltene 3,6 Kilometer lange Stadtmauer mit ihren Zugbrücken, Toren und über 50 Wachtürmen.

Der dicke graue Steinwall lässt Visby bis heute von außen wie eine Trutzburg erscheinen. Entlang der Stadtmauer führt ein Spazierweg, auf dem sich die Altstadt zu Fuß umrunden lässt. Diese Wallanlage ist die perfekte Kulisse für die jährliche Visbyer Mittelalterwoche Anfang August. Als Höhepunkt des Festivals gilt natürlich das Ritterturnier, bei dem sich Männer in schwerer Rüstung hoch zu Ross duellieren. Ein Highlight, das ich dieses Jahr leider verpasse!

Ruine einer Kirche auf Gotland
Kirchenruine in Visby, Foto: Reise-Liebe

Warum so viele Kirchenruinen?

Falls du dich für Kirchenarchitektur interessierst, ist die Besichtigung des imposanten Doms von Visby ein Muss. Was jedoch in der Altstadt noch viel stärker ins Auge sticht, sind die zahlreichen Kirchenruinen. Ursprünglich besaß die Stadt 16 Kirchen, doch von den meisten stehen nur noch nackte Grundmauern und Bögen. Was ist hier bloß passiert? Das frage ich mich öfters, während ich durch die mit Kopfstein gepflasterten Gassen bummele. Auf den Info-Tafeln erfahre ich kaum mehr, als dass die Kirchen im Zuge der Reformation vernachlässigt und ausgeplündert worden seien. Bei anschließenden Recherchen stoße ich auf einen Sturmangriff der mit König Gustaf Wasa verbündeten Lübecker, bei dem die mittelalterlichen Kirchen im Jahr 1525 vollständig ausbrannten.

Die Stadt weiß, ihre Ruinen touristisch ansprechend in Szene zu setzen: In der Nähe der Kirchenruine St. Olof erwartet dich der botanische Garten mit seltenen Pflanzen, einer Sonnenuhr und einem idyllischen Lustpavillon. Eingebettet in die Ruine der St. Johanneskirche befindet sich das Café Hans, wo du während deines Gotland-Aufenthalts typisch schwedische Zimtschnecken schnabulieren kannst. Vielleicht hast du in den Sommermonaten auch das Glück, in der Kirchenruine St. Nicolai einem Konzert zu lauschen.

Kirchenruine in Visby
Schmuckvolle Bögen einer Kirchenruine, Foto: Reise-Liebe

Radtour auf Gotland

Nachdem ich die Vibes von Visby genüsslich aufgesaugt habe, leihe ich mir neben dem Gefängnis-Hostel ein Fahrrad aus und radele an der Westküste nach Süden. Diese Radtour betrachte ich als Appetithäppchen für eine längere Radreise, denn Gotland ist viel zu riesig, um den Fernradweg Gotlandleden an nur einem Tag zu schaffen.

Auf dem Weg komme ich wenige Kilometer südlich von Visby an der original Villa Kunterbunt aus den „Pippi Langstrumpf“-Filmen vorbei. Ihr Anblick macht mich traurig: Pippis idyllischer Garten mit dem Limonadenbaum ist verschwunden. Die Filmkulisse wurde nämlich in den Freizeitpark Sommarland im Urlaubsressort Kneippbyn integriert. Alles wirkt künstlich und bis zum Himmel kreischend konsumorientiert!

Ob mir dieser Anblick wohl als Kind gefallen hätte? Ich bezweifele es und trete weiter in die Pedale, während an den schönsten Plätzen meine Kamera läuft. Einen längeren Tourenbericht kannst du dir im Skandinavien-Magazin Nordis durchlesen und dir vorher das folgende Video anschauen. Hier siehst du einen kleinen Teil von dem, was dich außer Visby auf Gotland sonst noch erwartet. (as)

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2 Gedanken zu „Visby: Hansestadt mit Kirchenruinen auf Gotland“

  1. Hi Annika.

    Ein feiner Artikel und eine sehr schöne Beschreibung der „alten Hanse“ – und heutigen „neuen Hanse“ Visby. Ich mag diese alten Hansestädte sehr, wahrscheinlich weil ich in einer aufgewachsen bin.

    Aber meine erste Wahl würde sicherlich „nicht“ der Knast sein – da dann doch lieber ein paar Euro mehr für Sauberkeit, Ruhe und etwas Luxus 😉

    LG
    Frank

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