Sydostleden: Schweden Radreise in die Wälder von Småland

Seeromantik am Sydostleden

Das Beste kommt zum Schluss, lautet ein bekanntes Sprichwort, das sich gut auf meine Schweden Radreise im Juli 2022 übertragen lässt. Nachdem der Kattegatleden in Helsingborg nahtlos in den Sydkustleden übergegangen ist, fahre ich am Ende des Südküstenradwegs in Simrishamn weiter auf dem Sydostleden. Der 274 Kilometer lange Südostweg glänzt erstens durch Abwechslungsreichtum, denn die Landschaft in den Provinzen Skåne, Blekinge und Småland ändert sich ständig. Zweitens bietet der 2016 eingeweihte Fernradweg mit der Nummer Zwei eine tolle Mischung aus Natur und Kultur.

Entlang der Ostseeküste lotsen mich die roten Wegweiser aus Simrishamn hinaus, zu meiner Rechten liegt ein wunderschöner Sandstrand. Einheimische führen ihre Hunde auf dem Radweg spazieren, was in Schweden häufiger vorkommt. Aber okay, für Tiere bremse ich gerne!

Hügel und Dörfer in Österlen

Nach dem kurzen Küstenabschnitt gerate ich schon bald ins Schnaufen, weil die Landschaft zunehmend hügeliger wird. Die Dörfer in Österlen sind aber so malerisch, dass sie sich perfekt für kleine Verschnaufpausen eignen. Durch Wiesen und Wälder bringt mich der Sydostleden in den Küstenort Kivik, der in Schweden für den Apfel-Anbau bekannt ist. Um Äpfel zu probieren, solltest du allerdings etwas später kommen als ich. Falls du im Spätsommer oder Herbst auf dem Südostweg radelst, empfiehlt die offizielle Website der kurvenreichen Strecke einen Besuch der Mosterei Kiviks Musteri. Stattdessen pflücke ich am Wegesrand Unmengen von Kirschen und rege mich immer wieder darüber auf, dass im Supermarkt nur noch Süßkirschen aus der Türkei verkauft werden.

Die wegen der steilen Hügel als mittelschwer klassifizierte Etappe zwischen Simrishamn und Brösarp schlängelt sich nördlich von Kivik ins Hinterland, wo sie durch noch mehr Hügel und Dörfer meandert. Irgendwo an einem wuseligen Rummelplatz erreiche ich einen Punkt, wo ich entweder Schilder übersehe oder keine vorhanden sind. Das Resultat ist, dass ich mich über eine hektische Autostraße nach Brösarp vorkämpfe. Kolonnen von Campern und Wohnwagen quetschen sich an mir vorbei – die Szene kannst du dir in meinem Video unter dem Artikel anschauen.

Sydostleden Wegweiser
Sydostleden-Wegweiser bei Simrishamn, Foto: Reise-Liebe

Der Sydkustleden in lauschiger Landschaft

In Brösarp, wo ich mir als erstes frische Erdbeeren gönne, finde ich den Sydostleden glücklicherweise wieder und stelle fest, dass ich eigentlich aus der entgegen gesetzten Richtung in den Ort gerollt wäre und einige Dörfer Österlens verpasst habe. Wahrscheinlich sind mir aber auch ein paar Anstrengungen erspart geblieben. Jetzt geht es nämlich ganz entspannt weiter durch den Wald. Ein bisschen wehmütig fühle mich trotzdem, weil es rund um Brösarp viel Natur beim Wandern zu erkunden gibt. Ja, im Laufe meiner Schweden Radreise gelange ich ständig an Orte, wo ich gerne einen Tag länger bleiben würde. In dem Fall wäre ich sicher über einen Monat mit dem Fahrrad unterwegs!

Schon bald finde ich mich im Naturschutzgebiet Friseboda wieder und erlebe die feinsten Sandstrände der Radtour. Wie weißes Puder umspielt der Sand meine nackten Füße, mit denen ich durch das klare Ostseewasser wate. Zum Baden ist mir das Meer zwar zu kalt, doch sein sanft türkiser Anblick lädt zum Verweilen ein. Wenige Kilometer vom Strand entfernt befindet sich meine erste Unterkunft auf dem Sydostleden: mitten auf dem Land in der Nähe von Degeberga. Die Herberge ist so abgeschieden, dass ich weitere sieben Kilometer bis zum nächsten Supermarkt radele. Anschließend besuche ich im nahe gelegenen Dorf zwei Kunstgalerien. Ja, Österlen scheint viele Maler mit seinen landschaftlichen Schönheiten zu inspirieren!

Kunst in Österlen
Kunst in Österlen, Foto: Reise-Liebe

Sehenswertes zwischen Åhus und Sölvesborg

Wegen der bereits zuvor geschilderten Schwierigkeiten, bezahlbare Unterkünfte zu buchen, ist meine zweite Etappe auf dem schwedischen Südostweg etwas länger. Anstatt in Kristianstad zu übernachten, setze ich die Reise bis Sölvesborg fort. Erst einmal geht es zurück nach Friseboda, wo man wilde Tiere beobachten kann – zwar keine Elche, aber Rehe und ein Kaninchen, das in Tarnfarben auf dem Waldboden kauert.

Das nächste Highlight der Radreise ist Åhus, das zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Städten in Schweden gehört. Ich besichtige die Kirche und lasse mich durch die idyllischen Gassen voller Fachwerkhäuser treiben. Außerdem gibt es Reste einer ringförmigen Stadtmauer zu sehen, ehe es anfängt zu regnen und ich in die Pedale trete, um schnell nach Kristianstad zu düsen.

Die Landschaft zwischen Åhus und Kristianstad gilt als Kornkammer, in der Weizen für Absolut Wodka, Kartoffeln und Roggen für original schwedisches Knäckebrot gedeihen. Ein Ausstellungszentrum hat auch seine Pforten für Wodka-Liebhaber geöffnet, doch ich steuere Kristianstad lieber direkt an. Rund um die gemütliche Stadt, die teilweise unter dem Meeresspiegel liegt, entdeckt man eine Menge Wasser. Gerade deshalb hat sich vor ihren Toren ein Naturausstellungszentrum namens „Naturum“ angesiedelt. Dort kann man Fische in Aquarien betrachten oder im Bach nach Flusskrebsen suchen.

Das hübsche Stadtzentrum lädt zum Bummeln ein. Ich lasse es mir also gut gehen und genehmige mir ein riesiges Eis, bevor ich die letzten 32 Kilometer bis Sölvesborg zurücklege. Auf diesem Streckenabschnitt passiere ich in Valje die Grenze zwischen Skåne und Blekinge und erhasche an der Küste Blicke auf Skånes einzigen Schärengarten. Hätte ich an dem Tag mehr Glück mit dem Wetter, würde ich kurz vor Sölvesborg bestimmt einen Badestopp machen.

Theater in Kristianstad
Theater von Kristianstad, Foto: Reise-Liebe

760 Meter Fahrradbrücke auf dem Sydostleden

Erst am nächsten Morgen zeigt sich die Sonne und ich besichtige die Schlossruine von Sölvesborg. Die Errichtung des Schlosses diente im 13. Jahrhundert dem Schutz vor den dänischen Feinden, denn in der Zeit lieferten sich Schweden und Dänemark schwere Territorialkriege. Das hatte zur Folge, dass die Vorherrschaft über das Schloss im Laufe der Jahrhunderte wechselte. Ab 1632 gehörte es endgültig zu Schweden, ehe es 1760 zerstört wurde.

Sehenswert ist außerdem das farbenfrohe Zentrum von Sölvesborg. Rund um den Marktplatz kann man durch gut erhaltene mittelalterliche Gassen flanieren und Geschäfte, Cafés und Restaurants besuchen. Die Hauptattraktion des Ortes ist allerdings die spektakuläre Sölvesborgsbron. Diese 760 Meter lange Brücke verbindet die Stadt mit dem sogenannten Listerland und ist die längste europäische Fußgänger- und Fahrradbrücke. Ich nehme mir viel Zeit, um sie zu überqueren und stoppe auf einer Schäreninsel, wo ich einen Moment in die üppige Natur eintauche. Baden rund um die Brücke würde ich übrigens nicht empfehlen, weil im Wasser Heerscharen von Quallen wohnen.

Sölvesborgsbron auf dem Sydkustleden
Sölvesborgsbron, Foto: Reise-Liebe

Etappenziel Karlshamn mit Schärengarten

Kurz hinter der Brücke erreiche ich das Dorf Norje, den Austragungsort des Sweden Rock Festivals, wo sich angesagte Metal Bands die Klinke in die Hand geben. Auf der 33 Kilometer langen Etappe nach Karlshamn reiht sich ein heimeliger Badeplatz an den anderen, doch der Sydostleden überzeugt mich hier wenig. Als ich die Sölvesborgsbron hinter mir gelassen habe, fahre ich ausschließlich neben einer Autostraße. Ziemlich nervig!

In Karlshamn steht bei meiner Ankunft gerade ein Ostseefestival in den Startlöchern. Vielerorts werden Bühnen, Buden und Fahrgeschäfte aufgebaut. Trotzdem ist es möglich, durch das Zentrum mit den pittoresken Holzhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert zu schlendern. Am Nachmittag versuche ich schließlich, in der Ostsee abzutauchen. Doch keine Chance, das Wasser ist und bleibt zu kalt! Als besonders eindrucksvoll in Karlshamn empfinde ich den felsigen Schärengarten, der mehrmals täglich von Ausflugsbooten angesteuert wird. Ebenfalls ein Grund, einen oder zwei Tage länger zu bleiben!

Fahrrad fahren auf dem Sydostleden in Småland
Stopp in der Natur in Småland, Foto: Reise-Liebe

Astrid Lindgrens Heimat Småland

Am vorletzten Tag meiner Schweden Radreise verlässt der Sydostleden die Küste von Blekinge und bringt mich in die Heimat von Astrid Lindgren: Småland. Ja, in dieser Wildnis erlebe ich die besten Momente der gesamten Radtour – die traumhafte Natur animiert mich ständig zum Anhalten. Diese Landschaft ist geprägt von dichten Wäldern und romantischen Seen, die im Gegensatz zum Meer die optimale Badetemperatur haben. Endlich erfrische ich mich öfters, beobachte währenddessen tanzende Libellen mit türkisen Flügeln und lausche dem Rauschen tosender Flüsse. Hier und da erinnert mich Småland landschaftlich an meine früheren Radtouren in Brandenburg.

In diesem Camping-Paradies sind auch Kanutouren möglich, um die Natur vom Wasser aus zu entdecken. Gerne würde ich noch ein paar Tage dran hängen, doch das hole ich später nach. Der Sydostleden ist auf jeden Fall die ideale Route, um die Region kennenzulernen. Du solltest aber bei deiner Reiseplanung einkalkulieren, dass es sich lohnt, mehr als einen Tag im Nationalpark Åsnen zu wandern und Rad zu fahren. Ich werde das später nachholen, denn schon jetzt steht fest, dass ich 2023 nach Schweden zurückkehren werde.

Während der Radreise übernachte ich in Urshult und breche am nächsten Morgen zu meinem allerletzten Etappenziel der Tour auf: Växjö. Als ich die Stadt beim Radeln an der Seepromenade erreiche, macht sich Wehmut in mir breit. Gefühlt viel zu schnell habe ich die rund 900 Kilometer lange Strecke hinter mich gebracht. Ähnliche Emotionen sind 2020 in mir hochgekocht, als ich den Berlin-Kopenhagen-Radweg geschafft hatte.

Idylle in Smaland bei Urshult
Idylle in Småland bei Urshult, Foto: Reise-Liebe

Fahrradreparatur in Växjö

Mein Fahrrad hat anscheinend die Nase voll vom Sydostleden und allen anderen schwedischen Radwegen: Obwohl ich es vor der Abreise in einer Werkstatt in Deutschland durchchecken lassen habe, lösen sich in Växjö aus dem Hinterrad plötzlich zwei Speichen. Zu meinem Glück finde ich im Stadtzentrum eine preiswerte Möglichkeit, es schnell reparieren zu lassen und bin dankbar, dass mir das Malheur zumindest im Wald erspart geblieben ist.

Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, steige ich in den stündlich verkehrenden Öresundtåg nach Malmö. Wie ich bereits in einem vorigen Tourenbericht erwähnt habe, ist dies einer der wenigen Züge in Schweden, der Fahrräder mitnimmt. Ich benötige noch nicht einmal eine Fahrradkarte, das Ticket für die zweistündige Fahrt kostet mich umgerechnet rund 18 Euro. Wirklich günstig im Vergleich zur Deutschen Bahn – und vor allem zuverlässig!

In Malmö besuche ich alte Bekannte und nehme am Abend die nächtliche Fähre nach Travemünde. Bis zur nächsten Schweden Radreise im Juli 2023 ruht mein Fahrrad wieder in Deutschland, während ich weiter im Ausland durch mein bewegtes Leben vagabundiere. (as)

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