Die Schattenseiten des Alleinreisens

Schattenseiten des Alleinreisens

Ich liebe meine Freiheit und diese bezaubernde Welt! Nach Porto und Lissabon habe ich schon wieder drei neue Touren organisiert und mir ein Trekking-Rad angeschafft. Ich freue mich auf alle Trips, die noch kommen. Trotzdem wird mir bei jedem schmerzhaft bewusst: Es gibt Schattenseiten des Alleinreisens.

Am 1. März 2017 posaunte ich in einem Blogartikel bei Kroatien-Liebe noch großspurig ins Netz, wie toll es sei, solo in die Welt zu ziehen. Alles, was ich damals geschrieben habe, segne ich heute noch als richtig ab. Alleinreisen schützt vor faulen Kompromissen, macht offener für Land und Leute und animiert Reisende, mit Einheimischen in der Landessprache zu plaudern. Außerdem schärft es die Beobachtungsgabe und die Fähigkeiten der Selbstreflexion.

Seebrücke von Bansin auf Usedom
Annika auf Usedom, Oktober 2018

Schattenseiten des Alleinreisens: Einsamkeit

Dass auch immer wieder Einsamkeit an mir nagt, habe ich in dem Artikel völlig außen vor gelassen. Vielleicht habe ich sie zu dem Zeitpunkt nur nicht gespürt oder verdrängt. Bei Tageslicht ist sie kaum präsent. Dann fülle ich meine Zeit mit Erlebnissen, fotografiere und genieße gutes Essen. Mein Herz ist offen und ich fühle mich voller Energie und Tatendrang.

Erst abends öffnen sich die Schattenseiten des Alleinreisens wie die Blüte einer schwarzen Rose. Wenn ich ohne Begleitung ins Theater gehe oder mir einen Drink genehmige. Wenn ich durch die Straßen einer Stadt wandele und mir Heerscharen von Liebespaaren entgegenkommen. Wenn ich gerne mit jemandem meine Eindrücke der Reise teilen möchte – von Angesicht zu Angesicht, außerhalb meiner Blogs.

Ich nehme diese Tatsachen zur Kenntnis, aber ich weiß auch, dass man nicht unendlich viel Zeit hat. Warten, bis ein passender Partner in mein Leben tritt und bis dahin auf Reisen verzichten? Die mieseste aller Optionen. Also gehe ich konsequent weiter und folge den Tour-Impulsen, die mir in den Sinn kommen.

Advent in Zagreb
Annika in Zagreb, Dezember 2018

Ein einschneidendes Erlebnis

Neben einem besonders giftigen Gefühl: Es wird häufig mit den Farben Gelb und Grün assoziiert. Im November 2018 hatte ich ein einschneidendes Erlebnis, das mich zu dem eBook Neid als Dein Guide inspiriert hat. Eigentlich wollte ich nur in einer Berliner Bar einem Reisevortrag über Island lauschen.

Dann trat dieses glückliche Paar ans Mikro: zwei erfolgreiche Autoren, die gemeinsam Reiseführer schreiben, ihr Privat- und Berufsleben miteinander verbinden und ihre zahlreichen Trips sogar mit Kindern kombinieren. Ich spürte, dass vor mir zwei Seelenpartner mit der gleichen Mission standen. Statt mich über ihre Liebe zu freuen, rammte mir mein Neid ein spitzes Messer in den Magen. Noch nie zuvor hatte es so weh getan.

Was tat ich? Am nächsten Tag startete ich eine Social-Media-Hetzkampagne gegen die Turteltauben und veröffentlichte einen fiesen Schmäh-Artikel, um ihre Arbeit schlecht zu machen. Nein, natürlich nicht! Zuerst akzeptierte ich, was in mir vorging, atmete ganz tief durch und reflektierte das Thema Neid in meinem eBook gründlich.

Cofete, Fuerteventura
Annika auf Fuerteventura, Dezember 2018

Selbsterkenntnisse

Beim Berlin Travel Festival Anfang März sprachen die Liebenden erneut – und noch ein zweites glückliches Blogger-Paar, das monatelang durch Australien gereist war. Die heftigen Bauchschmerzen blieben mir in ihrer Gegenwart erspart, doch das Gefühl gesellte sich in abgeschwächter Form wieder zu mir. Und ich sagte innerlich: „Hallo Neid, bist du auch schon wieder da!“
„Na klar, weil du immer noch alleine durch dein Leben reist“, antwortete der Neid.

Das stimmte zu dem Zeitpunkt nicht ganz: Auf einem Datingportal hatte ich einen wunderschönen Mann kennengelernt, optisch genau mein Typ. An seinen letzten Urlaub konnte er sich nicht erinnern, auch sonst hatten wir so gut wie keine gemeinsamen Interessen. Ich verabschiedete mich von ihm, kaufte mir ein Fahrrad und durchlebe weiter die Schattenseiten des Alleinreisens. Denen kann ich aber eine Menge Positives entgegensetzen. (as)

4 Gedanken zu „Die Schattenseiten des Alleinreisens“

  1. Man muss akzeptieren, dass keiner Alles haben kann. Neider konzentrieren sich gern auf die Dinge der Anderen. Bestimmt kennst du auch Leute, die dir deine Urlaube/Reisen neiden.
    Was weißt du ob das verliebte Paar sich abends im Zimmer nicht streitet oder ob einer der beiden regulär sich dem Anderen unterordnet damit die Beziehung überhaupt funktioniert. Soll heißen die Fasade die du siehst ist nicht unbedingt die Realität. Real ist aber dass viele Menschen, die das Allein-Reisen für sich entdeckt haben, gar nicht mehr anders können (ich spreche da aus Erfahrung). Allein Reisen bedeutet, du magst es nicht Kompromisse einzugehen, dich in irgendeinerweise einzuschränken, Freiheit, Unabhängigkeit… genau diese Dinge sind in einer Beziehung leider meist hinterlich 😉 Eine Freundin ist vor ein paar Monaten allein nach Mittelamerika gereist, trotz dass sie sich in einer wenigen Monate alten Beziehung befand. So gehts wohl auch. Wobei klingt das „gesund“? Am Ende muss jeder seinen Weg allein gehen und schauen wo es ihn verschlägt.. jeder Mensch ist ein Individuum. Man kann es sich natürlich auch einfach machen und „den Weg der Anderen“ gehen, wie die meisten Menschen, die mit dem Strom schwimmen und nur Erkenntnisse innerhalb eines sehr schmalbandigen Horizontes sammeln. Aber ob das befriedigend ist, wenn man die Welt bereits für sich entdeckt hat und man regelmäßig vom Fernweh heimgesucht wird !?!?

    1. Hallo Marko,
      mir ist schon klar, dass Leute oft eine Fassade aufbauen und natürlich habe ich nicht dahinter geschaut, weil ich die beiden betreffenden Personen ja nicht persönlich kenne. Gegen das heftige Gefühl konnte ich in dem Moment trotzdem nichts machen. Es nur zur Kenntnis nehmen und meine persönlichen Schlüsse daraus ziehen.
      Letzten Endes geht jeder seinen eigenen Weg.
      LG
      Annika

    1. Danke für das Kompliment,liebe Barbara! Ich habe nur ganz gewöhnliche menschliche Gefühle thematisiert und eigentlich sollte es selbstverständlich sein, offen darüber zu sprechen.

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