Tiefer Wald, traumhafte Sandstrände, malerische Altstädte, deutschbaltische Herrenhäuser und bewegte Geschichte wie im ehemaligen Sowjet-Gefängnis Rummu – dieses Bild von Estland habe ich seit Sommer 2024. Bei Besuchen von Tallinn, Pärnu und Haapsalu fallen mir immer wieder Wegweiser für den Eurovelo 10 auf. Plötzlich habe ich eine zündende Idee: Ich will selbst eine Estland Radreise machen, um den nördlichsten Staat im Baltikum noch intensiver zu erkunden. Im Juni 2025 ist es endlich so weit.
Obwohl der Ostseeküstenradweg im Gegensatz zur Lettland Radreise passabel ausgeschildert ist und ich mich nur selten mit sandigen Schotterpisten herumplage, bringen mich auch auf diesem Abschnitt meiner Radreise durchs Baltikum gewisse Herausforderungen an meine mentalen Grenzen.
Fakten über den Eurovelo 10 Estland
Laut Angaben auf der offiziellen Website umfasst der Eurovelo 10 in Estland insgesamt 981 Kilometer. Die beachtliche Strecke, die 2001 fertig gestellt wurde, beginnt bei Narva an der russischen Grenze und führt durch den atemberaubend schönen Lahemaa-Nationalpark östlich von Tallinn. Dabei handelt es sich um einen Streckenabschnitt, den ich auf meiner Estland Radreise auslasse: Mein Endziel ist Tallinn.
Nachdem ich mich bei meiner herzlichen Airbnb-Wirtin in Ainaži mit selbst gebackenem Brot und Café Latte gestärkt habe, radele ich binnen weniger Minuten von Lettland nach Estland. Die Grenze zwischen den zwei Staaten befindet sich am Ortsausgang von Ainaži, und die sich sofort anschließende Gemeinde heißt Ikla. Mein erstes Etappenziel ist Pärnu im Südwesten des Landes. Somit folge ich dem Eurovelo 10 aus logistischen Gründen in entgegengesetzter Richtung.

Estland Radreise mit vielen Wegweisern
Während Wegweiser für Radreisende in Lettland extrem selten sind und man sich besser an einer analogen oder virtuellen Eurovelo-Karte orientieren sollte, häufen sich die Ausschilderungen nach dem Grenzübertritt. Situationen, in denen ich kurz davor bin, mich zu verfahren, gibt es nicht mehr. Fehlt mal ein Wegweiser, ziehe ich die Online-Karte auf der Eurovelo-Website zurate. So finde ich sicher meinem Weg.

Straßenqualität der Radreise in Estland
Nach der beschwerlichen Radreise auf Sandpisten und oft von Schlaglöchern durchzogenen Asphaltstraßen in Lettland bemerke ich eine weitere positive Veränderung: Die ruhige Küstenstraße, auf der ich seit meiner Abfahrt in Ainaži unterwegs bin, ist glatt asphaltiert. Ich fühle mich tiefenentspannt, als ich durch Orte wie Metsapoole, Treimani und Häädemeeste radele. Hin und wieder halte ich am Ostseestrand und mache Fotostopps vor pittoresken Holzkirchen.
In den Genuss einer reinen Fahrradstraße ohne Kraftfahrzeuge komme ich jedoch nur wenige Male, zum Beispiel zwischen dem Fährhafen Rohuküla und dem Kurort Haapsalu: Es ist ein gut befestigter Schotterweg durch den Wald. Stundenlang könnte ich mich auf ihm treiben lassen, doch leider endet er nach wenigen Kilometern.
Nördlich von Häädemeeste lotst mich die Ausschilderung sogar nochmals auf die gefährliche Via Baltica, die ich mir bis Uulu ohne abgetrennten Radweg mit vorbei preschenden LKW-Kolonnen, Wohnmobilen, Autos, Motorrädern und Fernbussen teile. Nur einmal habe ich auf dieser Strecke die Option, auf eine ländliche Parallelstraße auszuweichen, ehe sich der Eurovelo 10 bei einem Café in Uulu von der Nationalstraße verabschiedet. Als mir dieser Alptraum von Straße erneut begegnet, gibt es an der linken Seite wenigstens einen Radweg nach Pärnu.
Apropos Radwege: An der Qualität des Radwegenetzes in Tallinn könnte sich Riga ein Beispiel nehmen. Sowohl in den Außenbezirken als auch in der Innenstadt existieren qualitativ hochwertige Spuren für Radfahrer, so dass Reisende auf dem Fahrrad zügig ohne Zug von A nach B gelangen. Weht eine laue Brise, ist es ein Vergnügen, an der Ostsee-Promenade von der Innenstadt zum Strand Pirita zu fahren.
Die Strecken auf Schotterwegen sind während der Estland Radreise im Vergleich zum südlichen Nachbarland kurz. An der Nordwestküste zwischen Alliklepa und Vihterpalu häufen sie sich jedoch – bei Regen und matschigen Pfützen ein Abenteuer, das ich mir in dem Moment gerne ersparen würde.
Dürftige Infrastruktur für Radreisende

Obwohl sich die Straßenqualität seit dem Überqueren der lettisch-estnischen Grenze merklich verbessert hat, schlägt mir des Öfteren die Abgeschiedenheit der ländlichen Gebiete aufs Gemüt. Selten kreuzen andere Radreisende meinen Weg, und meistens radeln sie in die entgegengesetzte Richtung.
Wie in Lettland dienen mir größtenteils Bushaltestellen in der Mitte von Nirgendwo als Pausenplätze, wo ich mir bei den sich häufenden Regenfällen Unterschlupf suche. Sogar auf der Urlaubsinsel Saaremaa sind Picknick-Tische, Cafés und Restaurants Raritäten – oft stehe ich vor verschlossenen Türen. Deshalb empfehle ich, vor jeder Etappe genügend Wasser und Verpflegung einzupacken.
Wer fernab der Städte doch mal ein Lokal entdeckt und ein fleischloses Gericht bestellen möchte, wird wahrscheinlich hungrig den Rückwärtsgang einlegen. Wenn du Glück hast, gibt es als Alternative einen kleinen Lebensmittelladen.
Auf meiner zwölftägigen Estland Radreise überkommt mich schließlich das Gefühl, alles schon einmal gesehen zu haben: insbesondere die endlos erscheinenden Straßen durch Wälder, auf denen alle paar Kilometer Schilder auf Friedhöfe verweisen. Die Route zieht sich wie Kaugummi. Regen, kräftiger Gegenwind und ein Sommer, der sich im Herbst versteckt, wirken wie ein Verstärker, der mich in meiner allgegenwärtigen Einsamkeit an emotionale Abgründe drängt.
Fähren zu den estnischen Inseln
Jedesmal freue ich mich, sobald ich auf dem Eurovelo 10 in Estland an Bord einer Fähre gehen kann – zum ersten Mal im Hafen von Virtsu. Hier sticht das Schiff nach Kuivastu auf der Insel Muhu in See. Die Überfahrt dauert eine halbe Stunde und bietet Annehmlichkeiten wie Snacks und ein Mittagsbuffet.
Zur großen Nachbarinsel Saaremaa gelange ich über einen extrem windigen Damm. Im Hafen von Triigi verlasse ich sie – eine Stunde schippert die Fähre nach Söru auf Hiiumaa. Innerhalb von einer Stunde und 15 Minuten kommt man schließlich von Heltermaa auf Hiiumaa zurück ans Festland.
Solche Augenblicke der Entspannung auf der Ostsee sind superpreiswert. Zwischen Heltermaa und Rohuküla erhalten Radreisende sogar einen Rabatt am Fahrkartenautomat: Die Überfahrt inklusive Fahrrad kostet nur 3,40 Euro (Stand: Juni 2025).

Estland Radreise mit Zug-Etappen?
Aufgrund der fiesen Witterung wäre ich an manchen Tagen der Estland Radreise froh, wenn ich die eine oder andere Etappe auf dem Eurovelo 10 mit der Bahn überbrücken könnte. Wie in Lettland werden jedoch die meisten Überlandstrecken von Bussen bedient. Die erste Chance, auf der regulären Route in einen Zug zu steigen, bekommt man in Paldiski.
Nach meiner Übernachtung am Tag der Ankunft in Tallinn bin ich in Kloogaranna fest entschlossen, das finale Stück meiner Radreise in Estland mit der Bahn zurückzulegen. Da es trocken bleibt, der Radweg in Hauptstadtnähe vorbildlich ist und mein Ehrgeiz größer als der Wunsch, mich in einen Zug zu setzen, meistere ich die letzten Kilometer aus eigener Kraft. Außerdem würde es sich wie Mogeln anfühlen, die Radtour im Baltikum früher als geplant zu beenden. Und so klopfe ich mir am Ortsschild von Tallinn stolz auf die Schulter. Ich habe den langen Weg von Klaipeda fast geschafft, fühle mich körperlich gesund und fit.

Top-Ziele der Radreise Estland
Obwohl ich es nach meinen turbulenten Erfahrungen für sinnvoller halte, das Land mit einem Campingbus zu bereisen und Fahrräder lediglich für kürzere Touren mitzunehmen, komme ich auf meiner Estland Radreise an wunderschöne Orte. Einige davon stelle ich dir im Folgenden kurz vor:
Pärnu
Mein erstes estnisches Etappenziel an der nördlichen Bucht von Riga hieß früher Pernau. Im Jahr 1251 wurde die Stadt mit dem einladend breiten Sandstrand vom Deutschen Orden gegründet und einige Jahre später Mitglied der Hanse. Im Laufe der Jahrhunderte stand Pärnu abwechselnd unter schwedischer und russischer Herrschaft und wurde im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört.
Unter dem Sowjet-Regime begann die Restaurierung der alten Bausubstanz, so dass in der Innenstadt heute wieder zahlreiche Holzhäuser zu sehen sind. Bekannt ist das Ostseebad vor allem für seine Schlammbäderkultur. Der Altbau des Hedon-Spas aus dem Jahr 1927 könnte beim Betrachten nostalgische Gefühle wecken. Kurios und putzig: An der benachbarten Seepromenade stehen Heerscharen von Elefantenskulpturen.

Muhu

Die erste Insel auf dem Eurovelo 10 durch Estland ist Saaremaas kleine Schwester Muhu. Der Ostseeküstenradweg führt rund um den verkehrsberuhigten nördlichen Teil, während der Eurovelo 13 der vielbefahrenen Hauptverkehrsachse folgt.
Die Strecke ist etwas hügelig, so dass ich bei Gegenwind ganz schön strampele. Es lohnt sich aber, an den Klippen Uugu Pank zu rasten und den Blick über die Ostsee schweifen zu lassen. Auf Muhu übernachte ich in einem urigen Scheunenhotel mitten auf dem Land und erlebe estnische Bauernhausromantik mit komfortabler Matratze.
Saaremaa
Gäbe es auf Saaremaa reine Fahrradstraßen durch Wald und Dünen, viele Picknickplätze und Einkehrmöglichkeiten, wäre die Ostseeinsel mit Sicherheit ein Paradies für Radreisende. Während der rund 100 Kilometer langen Etappe nach Kuressaare dienen mir wieder nur Bushaltestellen als Rastplätze.
Dennoch empfiehlt es sich, in der Inselhauptstadt Zeit zu verbringen. Das frühere Arensburg besticht durch seinen malerischen alten Stadtkern und die mittelalterliche Bischofsburg, die 1398 erstmals unter dem Namen Arnsborch urkundlich erwähnt wurde. Heute beherbergt das Schloss von Kuressaare das Saaremaa-Museum.
Während der rauschenden Mittsommerfeier bin ich zwar längst in Leisi, doch im Dorf Kihelkonna habe ich Glück: Bei Sonnenschein und klarem Himmel erlebe ich am Strand ein Feuer zur Sommersonnenwende. Beim Anblick der Flammen stelle ich mir vor, den Ballast meiner Baltikum Radreise abzuwerfen und zu verbrennen …
Saaremaa gilt auch als Magnet für Vogelbeobachter, und mit Sicherheit ist die Insel eine Wanderidylle. Zum Fahrradfahren empfinde ich sie als Zumutung – der ausbaufähigen Infrastruktur und dem Dreckwetter sei „Dank“. Deshalb verzichte ich auf eine Erkundungsfahrt auf der schmalen, südwestlichen Halbinsel, die fast bis nach Lettland ragt.

Haapsalu
Nach den langen Etappen seit der Abfahrt in Pärnu steigert es mein Wohlbefinden, im traditionsreichen Badeort Haapsalu (früher Hapsal) einen Ruhetag einzulegen. An diesem Tag der Erholung zeigt sich sogar der Wettergott gnädig – perfekt, um die Ruine der Bischofsburg zu bewundern und an der altehrwürdigen Promenade mit dem prächtigen Kursaal spazieren zu gehen. In den farbenfrohen Holzhäusern der Altstadt haben sich mehrere kleine Läden für Kunsthandwerk angesiedelt. Außerdem kann man gemütliche Cafés besuchen. Für einen Kururlaub hat man in Haapsalu also alles, was das Herz begehrt.
Das war bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Fall: Damals entdeckte der deutschbaltische Arzt Carl Abraham Hunnius die heilende Wirkung des Schlamms aus der Umgebung von Hapsal. Daraufhin gründete er 1825 sein erstes Sanatorium, und die Stadt verwandelte sich in einen mondänen Kurort mit Badehäusern und Schlammheilstätten.

Keila-Joa Wasserfall
Während ich mich auf der letzten Etappe der Estland Radreise Tallinn nähere, komme ich zum zweiten Mal in meinem Leben am Wasserfall von Keila-Joa vorbei. Im Sommer 2024 habe ich in einem Blogartikel über dieses Kunstwerk der Natur berichtet. Mit sechs Meter Breite und 50 Meter Höhe gilt es als drittgrößter Wasserfall in Estland. Ohne mein bepacktes Fahrrad und bei strahlendem Sonnenschein würde ich vielleicht erneut durch den idyllischen Park spazieren und auf der Terrasse des Herrenhauses Schloss Fall einen Kaffee trinken.

Tallinn
Aufgrund der Beliebtheit bei Kreuzfahrt-Touristen und der attraktiven historischen Innenstadt habe ich Tallinn einen passenden Namen verpasst: Dubrovnik des Nordens. Wenn man die Reisegruppen in den Gassen der Altstadt ausblendet und individuell seiner Wege geht, kann man allerdings viel Schönes in Tallinn erleben. Meine Favoriten im Zentrum sind die Kunstmuseen im Kadriorg-Park, die Patkuli-Aussichtsplattform und natürlich der Rathausplatz.
Außerdem halte ich mich an warmen Tagen gerne am Strand und am Fluss Pirita auf. An einem langen Sommerabend ist es im wahrsten Sinne des Wortes ein Highlight, mit dem Lift auf die Aussichtsplattform des Fernsehturms zu fahren, das spektakuläre Panorama und ein Glas Prosecco zu genießen.

Estland Radreise mit heftigem Gegenwind

Und würde ich nach meiner Estland Radreise noch einmal aufbrechen? Ja, aber nur zu kürzeren Radtouren, nachdem ich weite Strecken durch die dünn besiedelte Einöde mit einem Camper gefahren bin. Wegen des stürmischen Gegenwinds macht sich schon auf Muhu über dem rechten Fußgelenk eine Muskelzerrung bemerkbar. Die Schmerzen begleiten mich bis nach Tallinn, wo sie sich auf wundersame Weise in Luft auflösen.
Falls du dich trotz meiner Schilderungen für eine Fahrradreise durch Estland entscheidest, empfehle ich dir, mindestens zu zweit oder in einer Kleingruppe loszufahren. Unterwegs finde ich wenig Anschluss und gerate in einen Strudel aus Einsamkeit und schweren existenziellen Fragen – wie vorher schon in Lettland. Mein Pech mit dem Wetter tut sein Übriges, um die negativen Gefühle zu verstärken.
Dass in beiden Ländern der Eurovelo 10 auf den mörderischen Verkehr der Via Baltica trifft, ist ein absolutes K.O.-Kriterium für eine Weiterempfehlung der Baltikum-Route. Sollte man von einem LKW erfasst werden, schützt auch kein Fahrradhelm. Anscheinend rettet mich mein Schutzengel. Am Ende der Reise bedanke ich mich bei ihm, gratuliere meinem Körper zu seiner Fitness und ziehe folgenden Schluss: Der Anfang in Litauen war der angenehmste Teil zum Radreisen im Baltikum. (as)
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