Mittsommer in Finnland: ewige Dämmerung

Mittsommer in Finnland auf Seurasaari

Irgendwann träumte ich mal von einer Nacht, in der es bis zum Morgen hell bleibt. Nach und nach erfülle ich mir meine Träume: Am 21. Juli fliege ich mit Easyjet von Berlin-Tegel nach Helsinki, um Mittsommer in Finnland zu erleben. Am Flughafen erwartet mich mein finnischer Ex-Freund Marko, mit dem ich zur Insel Seurasaari fahre.

Es fällt mir schwer, diesen Ortsnamen auszusprechen. Meine sprachlichen Gehversuche auf Finnisch habe ich seit dem Beziehungs-Ende vor fast sechs Jahren ad adcta gelegt, nun gibt mir mein Verflossener ein bisschen Nachhilfeunterricht. Auf der besagten Insel, die zu Helsinki gehört, wird Juhannus zelebriert – so heißt das finnische Fest zur Sommersonnenwende. Traditionsgemäß sollen am Ufer von Seurasaari Feuer abgefackelt werden, das sogenannte kokko. Weil es in letzter Zeit recht trocken war und Waldgefahr droht, wird dieses Spektakel abgeblasen.

Windmühle Seurasaari, Finnland
Windmühle auf Seurasaari, Foto: Reise-Liebe

Mittsommer in Finnland bei Helsinki

Stattdessen erwarten uns ein paar Bühnen mit Live-Musik, Fressbuden und Handwerksstände. Vielmehr ziehen mich eine Windmühle und eine typisch skandinavische Holzkirche mit rot gestrichenen Holzbrettern in ihren Bann. Obwohl ich Mittsommer in Finnland verbringe und nicht in Schweden, denke ich an Geschichten von Astrid Lindgren.

Kirche auf Seurasaari, Finnland
Kirche auf Seurasaari, Foto: Reise-Liebe

Die Sonne senkt sich langsam über der Ostsee und projiziert zauberhafte Farbspiele an den Himmel. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um das Meer handelt, könnte man glauben, es sei ein See. Im Archipel rund um Helsinki und die Nachbarstadt Espoo erstrecken sich unzählige zerklüftete Inseln, die solch eine Atmosphäre kreieren.

Kurz nach 23 Uhr verlassen wir Seurasaari, denn zwischen den Bäumen erhaschen wir keinen Blick auf die Mitternachtssonne. Marko hat eine Idee, wo wir sie von einer höheren Stelle betrachten können: Wir düsen an einen Ort mit einem noch kniffligeren Namen – Malminkartanonhuippu am westlichen Rand der finnischen Hauptstadt.

Von der Straße erahnt man den Berg kaum. Um nach oben zu gelangen, erklimmen wir gegen 23:45 Uhr eine endlos wirkende Treppe. Um uns herum scheint es ewig zu dämmern. Es ist so viel Helligkeit geblieben, dass wir keine Taschenlampe benötigen.

Vom „Gipfel“ haben wir eine fantastische Aussicht: im Osten auf Helsinki, im Westen auf die glühende Sonne, die hinter Nadelbäumen abgetaucht ist. Es wird kaum dunkler in dieser Nacht und extrem früh am Morgen gleißend hell.

Mitternachtssonne in Finnland
Mitternachtssonne in Helsinki, Foto: Reise-Liebe

Felsenstrand von Porkkala

Nach einem Schauer am Samstagvormittag ist mein Mittsommer in Finnland noch lange nicht zu Ende. Bis Sonntagabend erkunden wir die Natur in der näheren Umgebung, was mein bisheriges Bild von Markos Heimatland völlig verändert. Trotz eines sonnigen Aufenthalts Ende Mai 2012 habe ich die Gegend eher als grau und trostlos in Erinnerung.

Strand von Porkkala, Finnland
Porkkala, Foto: Reise-Liebe

Jetzt sprießt überall Grün, an Straßenrändern wachsen wilde Lupinen. Am Samstagmorgen machen wir einen Ausflug zum Ostseestrand von Porkkala. Nach einem Waldspaziergang erreichen wir ein felsiges Ufer. Obwohl ich einmal einen Sandstrand besucht habe – in Finnlands südlichster Stadt Hanko – bettet man sich in diesem Teil von Europa beim Baden eher auf Felsen. Die kräftigen Wellen ohne vorgelagerte Inseln schauen wir uns trocken an und lassen uns neben einem natürlichen Felsenpool vom sonnenbeheizten Untergrund wärmen.

Felsenpool in Porkkala, Finnland
Felsenpool, Foto: Reise-Liebe

Im Boot auf der finnischen Ostsee

Am Nachmittag in Espoo, das aus vielen öden Schlafstädten besteht, begeben wir uns auf eine Fahrt mit einem Ausflugsdampfer. Wegen der landschaftlichen Ähnlichkeiten mit den Havelland frage ich Marko, über welchen See wir gerade schippern. Aber nein, es ist immer noch die Ostsee. Eine steife Brise lässt es mich spüren, indem sie mir die Haare zerzaust. Am Ufer von Kivenlahti endet die Tour. Am Abend machen wir einen langen Spaziergang über einen Naturpfad, um das Auto zu holen. Über Holzplanken durchqueren wir einen Sumpf – sehr zur Freude der Mücken.

Finnische Ostsee
Annika entspannt, Foto: Reise-Liebe

Nichts geht über einen Ausflug mit einem eigenen Bötchen. Marko hat seins in einer Marina bei der Insel Linlö. Abwechselnd und manchmal zusammen rudern wir durch die felsige Inselwelt der Ostsee. Wenn wir keine Lust mehr haben, schaltet der Captain den Motor ein. Das bleibt aber eher die Ausnahme, weil wir lieber den Wellen und den Wasservögeln lauschen. Hier leben Schwäne, Möwen, Haubentaucher und noch ganz viele andere Vogelarten, die ich namentlich nicht zuordnen kann.

Finnland im Sommer
Marko in seinem Boot, Foto: Reise-Liebe

Baden im See von Hvitträsk

Erst gegen Ende meines Wochenend-Trips finde ich mich im Land der 1.000 Seen an einem See wieder: in Hvitträsk. Der Ort kommt mir seltsam bekannt vor. Ja, ich bin dort vor langer Zeit mit Marko bei Eis und Schnee spazieren gegangen. Nun nötigt er mich, in dem klaren, leicht türkis leuchtenden Wasser schwimmen zu gehen. An der Einstiegsstelle gibt es auch eine Sauna, aber die ist außer Betrieb.

See von Hvitträsk, Finnland
See von Hvitträsk, Foto: Reise-Liebe

Der See von Hvitträsk ist temperaturmäßig gewiss nicht das Mittelmeer, aber ich habe mich nach einem Bad in der Natur noch nie so erfrischt gefühlt. Ich möchte gar nicht aufhören, mich in dieser Idylle zu aalen.

Doch alles hat ein Ende, auch dieser Mittsommer in Finnland. Nach angenehmen Temperaturen bis maximal 25 Grad, guter Luft und Entspannung erschlagen mich in Berlin wieder Bullenhitze, Smog und aggressive Menschen. Nein, die Tage bis zur nächsten Reise sind glücklicherweise gezählt. (as)

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