Schnee, Minusgrade und wenige Stunden Tageslicht – das übliche Wintergesicht von Helsinki, wo die Boote für Ausflüge in den Schärengarten eingemottet sind. Es gibt jedoch eine Ausnahme: Die Fähren des öffentlichen Nahverkehrs HSL schippern ganzjährig nach Suomenlinna. Im Januar nur noch alle 40 bis 60 Minuten, doch das hält mich nicht ab.
Eingepackt in mehrere Schichten und mit einer tief ins Gesicht gezogenen Mütze, gehe ich an einem frostigen Samstag an Bord und mache in meinen warmen Schneestiefeln einen Spaziergang auf der Festungsinsel.
Düsteres Meer und klirrende Kälte

Die Überfahrt nach Suomenlinna dauert rund 15 Minuten. Wie bereits in meinem Buch Schärengarten Helsinki: Reise zu den schönsten Inseln erwähnt, benötigt man für diesen Ausflug lediglich ein AB-Ticket.
Die Ostsee wirkt dunkel und schwer, während sich die Sonne hinter dicken Schneewolken versteckt. Im Dämmerlicht irgendwo zwischen Tag und Nacht bläst ein messerscharfer Wind um die Kapuze meines Wintermantels und schneidet die Finger, die ich zum Filmen aus den Handschuhen geschält habe.
Die meisten Passagiere haben auf den Bänken unter Deck Zuflucht gesucht. Nur die Reisebloggerin und mehrere Selfies schießende Asiaten lassen sich den Fahrtwind um die Köpfe wehen. Die eiskalte Seeluft ertrage ich so lange, bis ich die gewünschten Szenen im Kasten habe.
Sofort nach der Ankunft werfe ich einen Blick auf die Abfahrten der Schiffe zurück zum Kauppatori, dem Marktplatz von Helsinki. Das ist ratsam, weil man im Winter unter Umständen eine Stunde auf die nächste Fähre wartet, falls man eine knapp verpasst hat.

Winterspaziergang auf Suomenlinna

Wahrscheinlich existiert aktuell kein Helsinki-Reiseführer ohne ein Kapitel über Suomenlinna. Immerhin zählt die Trutzburg seit 1991 zum UNESCO-Weltkulturerbe und gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen in der finnischen Hauptstadt. So strömen auch kurz nach Neujahr zahlreiche Touristen in die imposanten Festungsanlagen, die sich über mehrere kleine Inseln erstrecken. Die meisten scheinen aus dem südostasiatischen Raum zu kommen, außerdem höre ich Deutsch.
Auf den verschneiten Wegen verteilen sich die Besucher. Ohne Sommertrubel und Café-Betrieb im Freien liegt über Suomenlinna eine winterliche Stille. Unter meinen Schuhen knirscht der Schnee, und die Festungsmauern kommen mir noch massiver vor als in einem Sommerbild voller strahlender Blau- und Grüntöne. Ewigkeiten entfernt wirken die warmen Granitfelsen, auf denen ich mich an den hellsten Tagen des Jahres so gerne sonne und Graugänse mit ihren Küken beobachte. Ich nehme die Steine an Suomenlinnas Stränden wahr, doch jetzt sind sie von Eis und Schnee überzogen.
In der Schwere des tiefen Winters erscheint die Geschichte der Festungsanlagen greifbarer als im Hochsommer. Im 18. Jahrhundert wurden die Gemäuer unter schwedischer Herrschaft errichtet, um das Königreich Schweden vor russischen Angriffen zu schützen. Zu jener Zeit war Finnland ein Teil Schwedens, und Suomenlinna hieß offiziell Sveaborg.
Jahrhundertelang kämpften die beiden Mächte um Finnland – 1808 folgte schließlich eine Eroberung durch Russland. Ein eindrucksvolles Zeugnis der russischen Herrschaft ist der von Kanonen gesäumte Küstenweg an der Südseite von Suomenlinna, meine wohl erste Erinnerung an das Ausflugsziel vor den Toren von Helsinki. Während damals mein finnischer Ex-Freund an meiner Seite flanierte, werde ich nun von einem Schwarm Krähen durch das gedämpfte Licht eskortiert.
Aufwärmen im Winter auf Suomenlinna
Wer der klirrenden Kälte eines Winterspaziergangs entkommen möchte, findet auf Suomenlinna ein paar beheizte Zufluchtsorte. Zum Beispiel kannst du im Kriegsmuseum in Finnlands Militärgeschichte eintauchen – von der schwedischen Großmachtzeit über die russische Epoche bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1917.
Alternativ laden Cafés in historischen Holzhäusern zu wärmenden Pausen ein: Mit einer Zimtschnecke und dampfendem Kaffee auf dem Tisch kehrt sie ein, die typisch finnische Gemütlichkeit. Selbst an kurzen, grauen Wintertagen mag sie dafür sorgen, dass man noch ein wenig länger bleibt, bevor es mit der Fähre zurück in die Stadt geht. (as)
