Es ist DAS Radsport-Event in Finnland, das vom 10. bis 12. Juli 2026 wieder zahlreiche Teilnehmer aus Deutschland in die traumhaft schöne Saimaa-Seenland-Region gelockt hat. Insgesamt sind in diesem Jahr mehr als 5.000 Fahrrad-Enthusiasten nach Imatra an der finnisch-russischen Grenze geströmt – ein Zuwachs von rund 1.000 Teilnehmenden gegenüber 2025. Nach der großartigen Erfahrung mit der 65 Kilometer langen Willimies Tour bin ich bei der Saimaa Cycle Tour 2026 ebenfalls dabei – und erlebe vor dem Start einen riesigen Schock.
Abfahrt vier Minuten nach Mitternacht
Als ich mich wenige Wochen nach der Vorjahres-Veranstaltung für die Saimaa Cycle Tour 2026 akkreditiere, rechne ich mit einer ähnlichen Startzeit wie 2025: irgendwann am Morgen des 11. Julis, so dass ich im Laufe des Nachmittags über die Ziellinie fahren kann. Eine Tagestour von 110 Kilometer Länge, vor der ich Gelegenheit habe, erst einmal auszuschlafen.
Kaum habe ich mich nach Ankunft in Imatra in mein Profil auf der Website der Saimaa Cycle Tour eingeloggt, folgt das böse Erwachen: Um 0:04 Uhr soll ich in Gruppe A starten. Sämtliche Starts für die Willimies Tour und die 45 Kilometer längere Etappe über Lappeenranta finden zwischen Mitternacht und ein Uhr statt. Somit habe ich keine Chance, den Veranstalter um eine viel spätere Startzeit zu bitten und bin stinksauer – so sauer, dass ich meiner Wut über diese gravierende Änderung in einem kurzen Video-Statement Luft mache.

Für die Teilnehmer der 300 Kilometer langen Hauptroute der Saimaa Cycle Tour ist es seit eh und je normal, die Nacht auf dem Rennrad durchzumachen. Sie wissen genau, auf was sie sich einlassen und können es kaum abwarten auf zig steilen Anstiegen zwischen Lappeenranta, Mikkeli, Puumala und Ruokolahti Kilometer zu fressen. Ich dagegen habe meine Nächte noch nie auf dem Fahrrad verbracht und verspüre auch keine derartigen Bedürfnisse – erst recht nicht nach einer über 1.000 Kilometer langen Finnland-Radreise mit teilweise widrigen Straßenverhältnissen.
Kurz nach 18 Uhr lege ich mich ins Bett, versuche zu schlafen – vergeblich. Gegen 22:30 Uhr stopfe ich mich mit Essen voll, schlüpfe nach dem Mahl schlecht gelaunt in meine Fahrrad-Klamotten und eiere schwerfällig zum Start. Eine Stimme in mir fordert mich sogar auf, in letzter Minute zu kneifen. Immerhin liegen bei der Saimaa Cycle Tour 2026 sage und schreibe 110 Kilometer vor mir. 110 Kilometer sind für einen Menschen von mittlerer Sportlichkeit auf einem Trekking-Bike kein Pappenstiel.
Und ich beobachte genau, wie viele skeptische Blicke mein rotes Fahrrad zwischen Rennrädern und E-Bikes wieder erntet. Sowohl am Start als auch beim Check-up am Nachmittag: Der Mechaniker glaubt mir nicht, dass ich tatsächlich an der Radtour teilnehme.

Saimaa Cycle Tour 20226 vom Dunkel ins Licht
Die ersten Tritte in die Pedale verändern meine Stimmung. Zwar bin ich mir immer noch nicht sicher, ob ich 110 Kilometer schaffen werde, aber eine Tasse Kaffee hat wohl Wunder bewirkt. Vollständige Dunkelheit herrscht im Juli nicht, düsterer wird es gegen ein Uhr und nach diesem dunkelsten Punkt beginnt auch schon die Morgendämmerung. In dieser Zeit erhasche ich einen Blick auf die glühende Mitternachtssonne über dem Saimaa und bleibe kurz am Straßenrand stehen. Immer wieder mache ich Stopps, wenn mich die Schönheit der finnischen Landschaft fesselt.
Derweil rasen Rennräder und ein paar E-Bikes an mir vorbei – Paare, Freundesgruppen, Sportvereine. Auf meinem Gefährt und ohne Anhang bin ich wohl die Außenseiterin der Tour, doch mein Wille treibt mich vorwärts. Eine Helferin, die an einer Biegung die Richtung weist, zeigt mir einen Daumen nach oben und ruft mir zu: „Hyvä!“ – zu Deutsch: „Gut!“
Abgesehen von den Tourhelfern haben wir mitten in der Nacht wenig Publikum. In einer Ortschaft jubelt uns eine Gruppe kleiner Mädchen zu, an einer Straßenecke einige Kilometer weiter stehen Menschen, die uns mit Techno-Klängen aus einem Subwoofer anfeuern. Solche Momente empfinde ich als wertvoll. Sie spenden Kraft, trotz der Uhrzeit weiterzumachen.

Etwa zweieinhalb Stunden nach dem Start erreiche ich den ersten Service-Punkt am Seeufer von Lappeenranta. 50 Kilometer habe ich jetzt schon hinter mir und spüre das dringende Bedürfnis, noch eine Tasse Kaffee zu trinken. Außerdem bekommen wir Energieriegel, Kekse und gezuckerte Brötchen – neben Wasser, einem Sportgetränk und Blaubeersaft.
Über 20 Minuten lasse ich mir Zeit, fotografiere Sandskulpturen und den Sonnenaufgang über dem See. Auch als ich den Service-Punkt längst verlassen habe, stoppe ich noch einmal, um in der frischen Morgenluft den magischen Blick aufs Wasser zu genießen.

Früher Morgen auf dem Land bei Joutseno
30 Kilometer trennen den ersten Service-Punkt in Lappeenranta und den zweiten in Joutseno – ein Ort, der mir bereits von der Saimaa Cycle Tour 2025 bekannt ist. Hier darf ich mich wieder mit Erdbeerbroten, Bananen und sauren Gurken stärken. Ehe es so weit ist, durchquere ich eine sattgrüne Hügellandschaft, über der die goldene Morgensonne und ein Hauch von Kuhdung schweben.
Die Straßen sind glatt asphaltiert, als seien sie erst kürzlich neu gemacht worden. Die Sonne vergoldet den grauen Untergrund, über den hunderte Fahrradreifen und kaum Autos preschen. Die Saimaa Cycle Tour 2026 hat die Wege scheinbar für sich reserviert – ein entscheidender Vorteil, mitten in der Nacht zu starten, wenn die meisten Menschen schlafen.
In Joutseno weiß ich, dass der Rest der Radtour „nur“ noch ein 30 Kilometer-Katzensprung ist. Als ich ein Selfie mache, fällt mir auf, dass die vorangehenden 80 Kilometer Spuren hinterlassen haben: Tiefe Furchen ziehen sich durch mein Gesicht. Ich wirke um Jahre gealtert und lösche das Foto sofort. In dem Moment fährt ein Auto mit Fahrrädern auf dem Gepäckträger vor. Diese Räder sind alle mit Startnummern geschmückt! Der berühmt berüchtigte Besenwagen? Nun, darüber lässt sich spekulieren. Während ich das tue, bin ich stolz auf mein gutes, altes Fahrrad, das mich schon über unzählige Berge und Schotterwege getragen hat.

Hat sich die Saimaa Cycle Tour 2026 gelohnt?

Der Rest der Strecke, den wir Stunden zuvor bei Dunkelheit zurückgelegt haben, zeigt sich endlich bei Tageslicht. Als ich in Imatra noch mal alle Kräfte bündele und sechseinhalb Stunden nach dem Start über die Ziellinie düse, fallen alle negativen Gefühle von mir – all die Wut, die Zweifel und die Angst, bei der Saimaa Cycle Tour 2026 wegen der Nachtfahrt zu versagen. In freudiger Erleichterung nehme ich meine Medaille entgegen, lasse mich auf dem Siegerpodest ablichten und mir zum Frühstück einen veganen Hot Dog und das leckere Eis von Vanhan Porvoon Jäätelö schmecken.
Die letzten zweieinhalb Kilometer zurück zur Unterkunft sind die schwersten; meine Beine haben auch gute Gründe, nicht mehr zu wollen. Und hat sich die Saimaa Cycle Tour für mich gelohnt? Trotz der schlaflosen Nacht ganz eindeutig, denn am Ende war nicht die Strecke die größte Herausforderung, sondern die mentale Hürde vor dem Start. (as)
