(Blogger-Kooperation, enthält Werbung) Es ist das dritte Etappenziel meiner Radreise auf dem EuroVelo 10, seit ich in Oulu gestartet bin: Kokkola (schwedisch: Karleby). Dank einer Kooperation mit Visit Kokkola erkunde ich nicht nur die finnische Westküstenstadt mit den charmanten bunten Holzhäusern, sondern auch die vorgelagerte Schäreninsel Tankar. Außerdem erfährst du in diesem Artikel, wo du in Kokkola bikerfreundlich übernachten und dich mit gutem Essen für die nächste Etappe stärken kannst.
Abstecher zur Insel Ohtakari
Am Morgen vor meiner Ankunft beginnt die Radtour in Kalajoki. Folgt man der Online-Karte des Ostseeküstenradwegs, beträgt die Entfernung zum Etappenziel zwischen 70 und 80 Kilometer. Da ich jedoch nach einigen kühlen, teilweise verregneten Tagen endlich strahlenden Sonnenschein und Wärme genieße beherzige ich eine Empfehlung von Visit Kokkola: einen Umweg nach Vattaja und Ohtakari.
Vor der kleinen Insel im Bottnischen Meerbusen gebe es die schönsten Sanddünen an der finnischen Westküste, versichert mir das Tourismusbüro. Der Weg dorthin verlängert meine Etappe nach Kokkola auf weit über 100 Kilometer. Ein kräftiger Gegenwind ist mein häufiger Begleiter auf dem EuroVelo 10, doch die Mühen sollen sich auszahlen: Vor dem schmalen Damm nach Ohtakari wate ich endlich mit nackten Füßen durch den warmen, weichen Sand und kühle sie im kalten Meerwasser ab. Die Zehenkrämpfe, die sich nach zig Kilometern des Strampelns immer wieder bemerkbar machen, lösen sich auf sanfte Weise.
Ich trete ein in eine nordisch maritime Szenerie, und diese fühlt sich an wie eine nostalgische Postkarte. Auf Ohtakari fällt mein Blick auf eine Siedlung roter Holzhäuser. Bereits im 15. Jahrhundert wurde das Inselchen von Fischern besiedelt. Heute tummeln sich hier Camper und Badegäste. Obwohl ich noch rund 45 Kilometer bis Kokkola zu bewältigen habe, setze ich mich eine Weile ans Ufer und lasse die Schönheit des Ortes auf mich wirken.
Während ich anschließend völlig beseelt weiter zum Tagesziel radele, werde ich ruckartig in die Wirklichkeit zurück katapultiert: Die vorgeschlagene Google-Route führt wenige Kilometer von Ohtakari entfernt in ein Militärgebiet. Auf dem Warnschild an der Schranke heißt es, dass die Durchfahrt streng verboten sei. Die Welt dahinter sieht aus wie ein lauschiger Wald, doch was, wenn um mich herum Munition explodiert? Und wie hoch wäre wohl das Bußgeld, wenn das Militär einen Eindringling erwischt?
Schwer seufzend mache ich eine Kehrtwende und fahre zurück ins zirka zehn Kilometer entfernte Lohtaja. In diesem Städtchen treffe ich wieder auf den EuroVelo 10 und habe allmählich kaum noch Lust auf Radfahren. Die letzten Kilometer nach Kokkola kommen mir vor wie ein unerbittlicher Kampf mit dem Gegenwind.

Bikerfreundliches Hotel Kokkola
Einen Ruhetag, der mir nun bevorsteht, habe ich mehr als nötig. Zwei Nächte bleibe ich im Hotel Kokkola. Das Haus im Herzen der Stadt ist als bikerfreundliche Unterkunft registriert und bietet in der eigenen Garage Fahrradständer. Darüber hinaus, ist es möglich, sich Werkzeuge und Putzutensilien für den fahrbaren Untersatz auszuleihen. Wer möchte, kann sein Rad sogar mit aufs Zimmer nehmen und auf Plastikfolie abstellen, damit der empfindliche Parkettboden geschont bleibt. Ich entscheide mich fürs Parken in der Garage.

Nach so vielen zurückgelegten Kilometern will ich mir den ständigen Anblick meines Fahrrads ersparen, die müden Beine hochlegen und den Platz im Hotelzimmer für mich selbst nutzen. Mein Domizil erweist sich als stiller Rückzugsort mit einem gemütlichen Doppelbett, einem Ruhesessel und einem Schreibtisch, an dem ich mit freiem WLAN am Laptop arbeiten und nach Belieben Tee und Kaffee zubereiten kann. Für letzteres steht ein Wasserkocher zur Verfügung. Der Blick durch die breite Fensterfront im vierten Stock erlaubt es mir, mich vor dem Schlafengehen an der Mitternachtssonne zu erfreuen – viel besser als unten vor dem Hotel.
Am Morgen wird hinter der Rezeption, an der die Hotelchefin höchstpersönlich mit ihrem kleinen Hund Gäste empfängt, ein reichhaltiges Frühstücksbuffet serviert. Wenn eine lange anstrengende Fahrradtour vor dir liegt (und natürlich auch vor beschaulicheren Aktivitäten), kannst du dich satt essen und die erste Mahlzeit des Tages als Brunch gestalten. Unter den warmen Gerichten finden sich vegane Optionen wie Falafel und Ratatouille. Ebenso stehen verschiedene Brotsorten, Wurst, Käse und farbenfrohe Salat- und Obstsorten zur Auswahl. Cerealien, diverse Säfte, Joghurts und Kaffee runden das Buffet ab. Nach der Stärkung kehrt mein Entdeckergeist endlich zurück.

Malerische Holzhäuser in Neristan
Fast vor der Tür des Hotels liegt die Altstadt Neristan – die kostbare Perle von Kokkola. Bei dieser farbenfrohen Siedlung handelt es sich um eines der größten erhaltenen Holzhausviertel in Finnland. Die malerischen Häuser mit zahlreichen Mohnblumen vor den Fassaden zeugen von der traditionellen Handwerkskunst in der Region Österbotten und weisen den Goldenen Schnitt auf. Dieses Prinzip wendete auch Leonardo da Vinci in seinen Werken an. Kokkolas Stadtplanung von 1665 verleiht es eine überaus harmonische Note.
Insgesamt zwölf Häuserblocks mit hunderten von Holzhäusern umfasst Neristan, wo die ältesten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert stammen. Brände und Landhebung haben das Bild des Viertels immer wieder neu geprägt. Während ich durch die stimmungsvollen Gassen schlendere und Fotos schieße, komme ich mir ein bisschen vor wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit.
Hinter manchen Fenstern fallen mir Porzellanhunde auf – Souvenirs, die Seeleute ihren Ehefrauen einst von ihren Reisen nach England mitbrachten. Der Sinn dieser Figuren war, nach draußen zu schauen und auf die Rückkehr der Hausherren zu warten. Die Damen selbst beschäftigten sich mit Handarbeit und beobachteten durch Spion-Spiegel draußen am Haus das Treiben auf der Straße.
Heute sind die meisten Gebäude in Neristan liebevoll sanierte Wohnhäuser, Geschäfte, Restaurants und Veranstaltungsräume. Hin und wieder erhasche ich einen Blick in die begrünten Innenhöfe, in denen Blumen sprießen und die Zeit still zu stehen scheint. Wer im Dezember nach Kokkola reist und durch Neristan spaziert, kann bestaunen, wie sich 24 Fenster in einen Adventskalender verwandeln.

Mit M/S Jenny von Kokkola nach Tankar
Von Neristan bis zum Hafen der Küstenstadt fließt der Stadtkanal Sunti, an dessen begrünten Ufern Rad- und Fußwege verlaufen. Eigentlich ist mein Plan, das Fahrrad einen ganzen Tag in der Hotel-Garage stehen zu lassen, doch das Hotel Kokkola und die M/S Jenny trennen über zwei Kilometer – ein Katzensprung im Vergleich zu meinen anstrengenden Etappen auf dem EuroVelo 10!

Langsam und ohne schwere Gepäcktaschen radele ich am Kanal entlang, bewundere rot angestrichene Bootshäuser aus Holz und parke das Rad schließlich am Hafen. Jetzt geht es weiter mit dem Schiff Jenny, das innerhalb von 90 Minuten zur beinahe 20 Kilometer entfernten Insel Tankar gleitet. Auf den Außendecks weht eine steife Brise, die mir die Haare zerzaust und mich daran erinnert, wie weit mich das Fahrrad und mein Durchhaltevermögen nach Norden getragen haben.

Falls du an Bord fröstelst, hast du die Möglichkeit, unter Deck zu gehen und an der Bar Getränke und Snacks zu kaufen. Mein Mittagessen erwartet mich jedoch im Café Tankar neben der Anlegestelle der M/S Jenny. Dieses Café erfreut sich bei Liebhabern original finnischer Lachssuppe großer Beliebtheit. Da ich Vegetarierin bin, bekomme ich stattdessen eine leuchtend orange, hervorragend gewürzte Gemüsesuppe serviert. Neben den Suppen kannst du dich am Brotkorb bedienen und so viel Kaffee trinken, wie du magst – ganz wichtig in Finnland! 😉
Mein Aufenthalt auf Tankar dauert zwei Stunden. Ursprünglich sollte ich auf der Insel übernachten, allerdings sind wegen einer Veranstaltung sämtliche Betten ausgebucht. Deshalb mein Tipp: Buche deine Unterkunft so früh wie möglich, sofern du vorhast, im Sommer die Mitternachtssonne draußen im Bottnischen Meer zu erleben.

Nichtsdestotrotz bleibt mir ausreichend Zeit, mich in Ruhe auf dem idyllischen Eiland Tankar umzuschauen und auf dem 1,3 Kilometer langen Naturpfad einen Spaziergang zu machen – mit Muße und ohne den Stress des Radfahrens auf dem Ostseeküstenradweg.
Läuft man im Hafen von Tankar ein, sieht man schon von Weitem den rotweißen Leuchtturm im Zentrum der Insel. Neben dem ausgeschilderten Weg stehen alte Fischerhütten. Sie zeugen davon, dass bereits im 16. Jahrhundert Fischer auf Tankar siedelten. Für die Seemänner wurde sogar eine Inselkirche errichtet, damit sie für den Gottesdienst nicht nach Kokkola zurückzukehren brauchten. Immerhin galt es in früheren Zeiten als Pflicht, regelmäßig in die Kirche zu gehen.
Heutzutage landen mehr Vögel als Fischer auf der Insel. Rund 280 Vogelarten sind bereits auf Tankar beobachtet worden und 45 kehren regelmäßig zum Brüten zurück. Daher weisen Schilder die Besucher darauf hin, immer auf dem Naturpfad zu bleiben. Zum Betrachten der Tier- und Pflanzenwelt aus einer höheren Perspektive gibt es auf Tankar einen Vogelbeobachtungsturm, der stark von Groß und Klein frequentiert wird.

Restaurant-Tipp: 100ma Social

Nachdem ich mit M/S Jenny die Rückreise nach Kokkola angetreten habe, empfängt mich in der Hotel-Lobby Arja Haikola, die aktuell an einem Projekt zur Entwicklung des Fahrradtourismus in der Region arbeitet. Zu zweit radeln wir nach Mustakari zum Restaurant 100ma Social und gönnen uns ein köstliches Abendessen in einem trendigen Ambiente mit Hafen-Flair. Hier trifft urbanes Lebensgefühl auf maritime Gemütlichkeit.
Es ist offensichtlich, dass die beiden Chefinnen Titta und Seera in ihrem Lokal ein Herzensprojekt realisiert haben. Die zwei Frauen teilen eine besondere Leidenschaft für Essen, Geselligkeit und besondere Erlebnisse. Diese Leidenschaft haben sie ebenfalls auf ihr Team übertragen. Die jungen Servicekräfte sind überaus freundlich, aufmerksam und bereit, auch Sonderwünsche von Freunden fleischloser Kost zu erfüllen. Ein weiterer Pluspunkt für Radreisende: Das 100ma Social liegt nur einen Steinwurf vom EuroVelo 10 entfernt.

Lohnt sich der EuroVelo 10 bei Kokkola?
Aber lohnt es sich gegenwärtig wirklich, auf dem Ostseeküstenradweg nach Kokkola zu reisen? Während des Abendessens mit Arja äußere ich Verbesserungsvorschläge: Seit der Ortschaft Lumijoki südlich von Oulu habe ich auf der gesamten Strecke keinen einzigen EuroVelo-10-Wegweiser gesehen. Wie Arja daraufhin betont, sei das Aufstellen solcher Schilder mit hohen Kosten verbunden.
In dem Moment weiß ich nicht, dass Ausschilderungen erst ab Vaasa wieder zur Verfügung stehen würden, doch bis dahin habe ich noch eine beachtliche Wegstrecke vor mir. Sowohl die EuroVelo-Onlinekarte als auch mein Google Navi helfen mir, mich an der finnischen Westküste zu orientieren – des Öfteren mehr schlecht als recht. Google lotst mich immer wieder auf sandige Schotterpfade, die dunkle Erinnerungen an Radwege in Lettland wecken.
Häufig läuft der Fernradweg direkt über die viel befahrene Küstenstraße E8 – und dass es dort eine Extraspur für Radreisende gibt, ist nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Solltest du dich trotzdem entschließen, dich ins Abenteuer EuroVelo 10 an der Westküste von Finnland zu stürzen, sei auf längere Distanzen, Schlaglöcher, Spurrillen und dünne Besiedelung vorbereitet. Sobald du Kokkola erreichst, kannst du dich immerhin über sehr gut ausgebaute Radwege innerhalb der Stadt und in der näheren Umgebung freuen. (as)
